Projekt 2022

projekt 2022

Montag, 8. März, internationaler Tag der Frau.

Der interkulturelle Prisma Nähtreff startet für ein Jahr das Projekt 2022:



2022 -  nachhaltige Hygienebinden aus Stoff, selbstgenäht von allen Nähfreudigen der Gemeinde Wohlen und dann zu Hunderten dorthin gebracht und geschickt, wo unsere Geflüchteten herkommen: Äthiopien, Sri Lanka, Afghanistan, Flüchtlingscamps, Kongo…)

Gut und wichtig fürs Enttabuisieren, den lückenlosen Schulbesuch aller Mädchen, fürs Portemonnaie und das Klima!

Helfen Sie mit und beziehen Sie das Schnittmuster hier als PDF oder zusammen mit den Stoffen und Einlagen (inkl. wasserundurchlässige Polyurethanschicht) via Mail: laurence.gygi@kg-wohlenbe.ch ; Telefon: 031 901 16 75 oder persönlich am Dienstagnachmittag, 14-17 Uhr im Kipferhaus.

Wir freuen uns auf das grosse Teamwork!

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Wer hat (nicht) Angst vor dem roten Fleck?!
Bis zum nächsten internationalen Frauentag, dem 8. März 2022, sollen möglichst viele Stoffbinden genäht und dorthin gebracht werden, wo es nachhaltige Menstruationsprodukte und eine offenere Diskussion darüber braucht.

Peinlich, peinlich
Menstruation: jede zweite Person hat sie während Jahrzehnten, sie ist die natürlichste Sache der Welt – und doch so ‘peinlich’. Mindestens. Denn vielerorts kleben nebst der Angst vor einem roten Fleck noch ganz andere – nun aber wirklich – peinliche Aspekte an der Menstruation:
Ob aus Scham, Unwissen, Desinteresse oder Tabuisierung – bis vor kurzem wurde über die Menstruation kaum gesprochen, und wenn, dann höchstens über den biologischen Vorgang. Wer spricht in Ländern mit kleinen und mittleren Einkommen über die gesundheitlichen Risiken der Tabuisierung sowie deren Folgen im menstruationsbedingten Bildungs- und Einkommensausfall? Und wie kommt es, dass hierzulande z.B. Viagra oder Kaviar als Produkte des täglichen (?!) Bedarfs mit nur 2.5% MwSt-Abgaben, Menstruationsartikel hingegen noch immer als ‘Konsumgüter’ gelten und mit 7.7% MWSt belegt werden? Und während in öffentlich zugänglichen Toiletten – in Schulen, Büros oder Einkaufszentren – WC - Papier selbstverständlich ist, bleiben die Tamponkosten dem privaten Budget überlassen. Als ob frau die Wahl hätte, zu menstruieren oder nicht…
Ein Luxusproblem? Nur für jene, die es sich ohne mit der Wimper zu zucken leisten können, ca. Fr. 6'000.- im Leben allein schon für die Binden hinzulegen. Für die Alleinerziehende Danielle K* hingegen, die sich und ihre beiden Töchter mit einer 80%-Arbeit durchbringt, machen die Menstruationskosten – wozu manchmal noch Medikamente oder Wäsche hinzukommen – für mittlerweile drei Perioden im Monat einen spürbaren Teil des schmalen Budgets aus. Und für asylsuchende Frauen, die von der Nothilfe leben müssen, weil sie nicht arbeiten dürfen, fällt jeden Monat einmal die Frage an: heute Hygieneartikel oder etwas zum Essen kaufen? Mit Fr. 8.-/Tag erhalten sie nur scheinbar denselben Betrag wie die männlichen Nothilfebeziehenden.

Gesundheits- und Bildungsrisiko
In Krisenregionen und Ländern mit kleinen Einkommen spielen die Kosten eine noch viel grössere Rolle. Vor allem aber werden sie gepaart mit zusätzlichen, mindestens so schwerwiegenden Defiziten: Vielerorts herrscht Mangel an verfügbarem Material, an abschliessbaren Toiletten, an Abfallkübeln, an Allgemeinwissen zu geschlechtsspezifischer Gesundheit und Hygiene u.a.m. Studien der WHO und der UNICEF konnten nachweisen, dass der (fehlende) Zugang zu genügenden und sauberen Menstruationsartikeln in direktem Zusammenhang mit gewissen Unterleibserkrankungen und mit Abertausenden von Schul- und Arbeitsabsenzen steht – ein Faktor, der sowohl Grund als auch Resultat der finanziellen und gesellschaftlichen Benachteiligung von Frauen ist.
Aber diese Vernachlässigung der Rahmenbedingungen für eine gesunde Menstruation wiederum hat nicht nur mit Armut, sondern vor allem auch mit der Tabuisierung von Menstruation und sexueller Gesundheit zu tun. Die heute 28jährige Dhanvi N.*, aufgewachsen am Rande der Grossstadt Jaffna im Norden Sri Lankas, hatte meist Einwegbinden zur Verfügung; prägend war für sie etwas anderes: Sie durfte während ihrer Tage weder die Küche betreten noch mit der Familie am Tisch sitzen, sie durfte keine tierischen Produkte essen und – dies mit gemischten Gefühlen – nicht zur Schule gehen. Die Periode gilt als Zustand der rituellen Unreinheit und verlangte nach Absonderung; hier in der Schweiz lebt Dhanvi diese nicht mehr. Aber auch in Sri Lanka ist der Grund, monatlich die Schule zu fehlen, nicht nur ein ritueller, sondern auch ein finanzieller: 2015 hatte nur jede dritte Menstruierende Zugang zu Binden & Co; 50% der Mädchen fehlten wegen der Periode fünf Tage, 37% weitere immerhin 1-2 Tage pro Monat in der Schule – deshalb diskutiert nun Sri Lankas Parlament die freie Abgabe von Binden in Schulen.
Für Sahena A.* aus einem ländlichen Gebiet Afghanistans war das Tabu noch stärker, als sie vor 16 Jahren ganz alleine vor dem neuen Problem stand. Sie wusste nichts über die Menstruation; aber sie fühlte, dass darüber nicht gesprochen werden durfte, auch nicht mit der Mutter. Sich anderweitig zu informieren war für sie, die nie in die Schule gehen und weder schreiben noch lesen konnte, nicht möglich. In ihrer Not klaubte die Dreizehnjährige aus einer Altkleiderbeige, die für einen Bettler gedacht war, heimlich einen Schal hervor und schnitt ihn in mehrere Stücke. Danach musste sie diese auch unbemerkt waschen und trocknen können. Eine weitere Schwierigkeit war, dass die Frauenkleidung nur lange lose Hosen unter dem rockartigen Oberteil vorsah – wie diese improvisierte Binde befestigen?! Heute lacht Sahena darüber; aber noch immer spürt man bei der Erzählung, wie es ihr damals erging: das Gefühl der Scham über den körperlichen Vorgang, der Schuld, dass sie einem Bettler etwas wegstahl, und die Angst, dass ‘es’ plötzlich sichtbar werden könnte.

Die Idee
Auch Doreen Bieri-Ngafor kennt das Problem von zu wenig Hygienematerial, fehlender oder falscher Information und den vielen Schulabsenzen. Deshalb näht die diplomierte Fachfrau Gesundheit in Köniz nun schon seit acht Jahren alleine und mit Freiwilligen Stoffbinden, die sie dann zurück in ihre alte Heimat Kamerun bringt. Dort organisiert Doreen Bieri Workshops, in denen sie Mädchen und jungen Frauen das nötige Wissen über den weiblichen Zyklus, sexuelle Gesundheit und Verhütung vermittelt, bevor sie ihnen die Stoffsäckli mit den Binden abgibt. Viel hat Doreen Bieri-Ngafor in Kamerun und im Rahmen zahlreicher internationalen Organisationen schon erreicht. Und von ihrer Erfahrung dürfen wir nun profitieren.
Denn der Beitrag über Doreen Bieri-Ngafors Stoffbinden in verschiedenen Berner Medien anfangs Jahr brachte dem Prisma Nähtreff die Idee, was man zu Zeiten von Corona gut auch alleine nähen kann und das trotzdem ein grosses Ganzes mit Gewinn über die Gemeinde Wohlen hinaus ergibt:

Projekt 2022
Für ein Jahr wollen wir so viele Binden aus Stoffresten, Molton und einer wasserdichten Polyurethanschicht nähen, wie die Nähmaschinen unserer Gemeinde hergeben! Dank den Verbindungen, die zahlreiche Frauen unserer Gemeinde in ihren alten Heimatländern haben, wissen wir, wo und wie viele solche wiederverwendbaren Binden gebraucht werden können. Dort werden sie durch unsere Kontaktpersonen zusammen mit den nötigen Informationen abgegeben. Schon jetzt haben wir mehrere ‘Bestellungen’ erhalten: unsere Taschen mit je sechs Stoffbinden werden zu Sahenas Dorf in Afghanistan gehen, in ein Frauenhaus in Batticaloa, Sri Lanka; nach Kinshasa, wo Danielle mit Kolleginnen vor Ort ein Strassenkinder-Projekt gestartet hat, und in den Kamerun zu Doreen Bieris-Ngafor Workshops; und schliesslich – je nachdem, wie nähfreudig die Gemeinde Wohlen ist – so viele wie möglich in ein Flüchtlingscamp.

Helfen Sie mit!
Natürlich haben alle Länder genügend Ressourcen, solche Binden selber herzustellen – und das ist auch das Ziel. Aber manchmal hilft ein Anstoss von aussen, Unbedachtes bewusst zu machen, Tabus aufzubrechen und die Diskussion, im Privaten wie Politischen, (weiter) zu führen.
Und dies wäre auch für uns hier nicht schlecht: wenn man sich vorstellt, wieviel Abfall wir mit Einwegbinden produzieren – schon heute sind’s weltweit 12'000'000’000 Stück pro Jahr! Und sowohl Herstellung wie Entsorgung sind alles andere als klimafreundlich. Da sind waschbare Stoffbinden nicht nur die viel billigere, sondern auch die umweltfreundlichere Variante.
Drucken Sie unsere Vorlage sowie die Anleitung aus, verwenden Sie eigene Stoffresten und/oder holen Sie bei uns einfach die benötigte Menge Stoff inkl. des wasserundurchlässigen Polyurethanstoffs und nähen Sie mit!
Gerne nehmen wir aber auch Geldspenden entgegen für das, was nicht genäht werden kann und kostet: das benötigte Spezialmaterial und den Transport in jenen Fällen, wo die Pakete nicht durch die Kontaktpersonen selbst mitgenommen werden können.
Wir würden uns über ein grosses Wohlener Teamwork mit interkontinentalem Benefit freuen!

Laurence Gygi und Anna Rapp


*Namen geändert






Kontakt

Sekretariat Kipferhaus
Dorfstrasse 9
CH-3032 Hinterkappelen

031 901 02 12
(Mo, Di & Do, 14 - 17 Uhr)

info(at)kg-wohlenbe.ch

PC-Konto 30-25304-6

 

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